Über Staatliche Erziehung

Einige Gedanken über meinen Schulweg:

Meine Mutter war allein erziehend, und so waren wir als Familie auf Stütze (Hartz 4) angewiesen. Die Versorgung nahm gelegentlich bizarre Züge an. So bekam man zum Schulanfang einen geringen Betrag für Schulmittel (ich denke es waren 12 oder 15 EUR), diese wurden jedoch mit dem Basisbetrag für Hartz 4 verrechnet. Ab dem 16ten Lebensjahr hatte man sich einmal im Jahr oder pro halbes Jahr beim Arbeitsamt zu einem persönlichen Beratungstermin zu melden und musste sich verantworten, warum man sich nicht bemüht eine Arbeit zu finden… Die Ausrede „Ich gehe doch in die Schule (= Gymnasium)“ galt da nicht. Das sage ich nicht, um das Sozialsystem Deutschlands zu kritisieren. Ich bin ein großer Fan der Agenda 2010. Schröders Politik (obwohl SPD Politiker) erscheint mir mit einem klaren Konzept, mit vielen Ideen zur Stärkung des Bürgers und hatte vor allem eine Konzentration auf Innenpolitik. Drei Punkte die ich nach über 12 Jahren Merkel nicht erkennen kann (Dabei bin ich natürlich wie jeder Russlanddeutsche in dem Bewusstsein erzogen worden, dass nur die CDU für uns wählbar sei…)

Mein Vater, der sich als ich 8 war, von meiner Mutter trennte, und denn ich seit da nur noch zweimal traf, war ein äußerst geschickter Didakt und brachte mir bereits vor Einschulung Lesen, Schreiben und Rechnen (bis hin zur Division und Prozentrechnen) bei. Wie er das machte, bleibt mir ein Geheimnis, aber diese Fähigkeiten halfen mir beim Umzug nach Deutschland (mit ebenfalls 8) nicht den Anschluß zu verlieren. Und so kam ich, obwohl ein asoziales Kind, dann in der fünften in ein sehr ehrenwertes Gymnasium. Es gab nur zwei arme Kinder unter 28 Schülern: Mich und eine Iranerin (deren Vater immerhin Oliven im Kaufland verkaufte). Ich habe die ganzen reichen Schnösel verachtet, die trotz bester Behütung und überquellendem Wohlstand kaum bessere Leistungen brachten als ich. Die Lehre die ich daraus heute ziehe ist, dass Arme oft sehr viel Hass gegen Bessergestellte besitzen, und diesen „mit sozialer Gerechtigkeit“ überdecken, der sogenannte „Bildungsplan“ schüttet hier übrigens ordentlich Öl ins Feuer. Viele Leute können den Reichen ihren Wohlstand nicht gönnen und vergehen vor Neid und Hass und sündigen so wohl noch mehr als die Reichen in ihrem Stolz… Was ich übrigens nie empfand sind rassische Diskriminierungen, außer der, dass man als Russe bezeichnet wurde, obwohl man keiner war. (So war ich noch nie in meinem Leben in Russland und habe auch nie die Bürgerschaft Russlands gehabt). Die Leute glauben einem aber eher schwer, dass man Deutscher sei, wenn man Sergej heißt.

Was ist mir sonst sitzengeblieben: Wirklich wunderbare und tüchtige Lehrer habe ich gehabt, ansonsten war aber vor allem der Bildungsplan enttäuschend und auch die vermittelten Inhalte, einige Punkte:

  • Insgesamt gab es von der 5ten bis zur 13ten 5 oder 6 mal Aufklärungsunterricht. Einmal gab es eine Wiederholung aufgrund einer Lehrplanverschiebung. Einmal wurde das eine Klasse später wiederholt, was zum Ende der vorhergehenden Klasse besprochen wurde. „Fächerübergreifender Unterricht“ führte dann auch dazu, dass Sexualkunde natürlich auch in Religion (und hier in einer besonders perfiden Art, wer hätte es gedacht) besprochen wurde
  • Geschichtsunterricht, wenn man bedenkt, dass man 7 Jahre lang Geschichte hatte, habe ich das Gefühl, dass wir nur vier Themen hatten: ganz bisschen Römer, etwas mehr über das Mittelalter, noch etwas mehr die Französische Revolution, und die restlichen 95% waren über unzählige Besprechungen des dritten Reiches gedeckt. Im Rückblick bin ich vor allem über den Geschichtsunterricht meiner Schulzeit enttäuscht. Es ist so ein unfassbar lehrreiches Fach, und man macht eine Farce daraus. (Im Übrigen rege ich mich vor allem über die Verherrlichung der französischen Revolution auf, die glorreiche Revolution der Engländer erwähnte man nicht mal mit einem Wort…)
  • Ganz Bizarr: Der Lehrer, der Evolution unterrichten sollte, war Evolutionsskeptiker (er glaubte, dass wir von Aliens geschaffen wurden), somit wurde in der 9ten das Thema Evolution fast vollständig übersprungen… Fast Vollständig bedeutet, dass die eine Stunde, die das Thema besprochen wurde, von einem von mir gehaltenen Referat gedeckt wurde, welches die Evolution kritisch untersuchte. Ansonsten kam das Thema nicht mehr.
  • Französisch: Kein Junge konnte Französisch leiden. Somit habe ich nach vier Jahren Französisch vielleicht noch 20 Vokabeln inne. (Asche auf mein Haupt)
  • Deutsch: Im Nachhinein regt mich ungemein auf, dass behauptet wurde, es gebe eine Art goldene Hermeneutik bei Aufsätzen: Also den einen wahren Weg, einen Text/ ein Buch zu interpretieren. Kein Lehrer konnte mir aber erklären, warum ich bei einem Lehrer nur Einser für meine Aufsätze bekam und ein Jahr später bei einem anderen nur Dreier
  • Kunst: Der letzte Kunstlehrer war ein echter Romeo. Als ich ihn in einer Romanze mit einer Schülerin erwischte, gab es halt eine 6 (nebenbei gemerkt: welch Ironie).
  • Physik war eine schreckliche Enttäuschung. Im an die Schulzeit folgenden technischen Studium musste man ständig die „schulischen Vereinfachungen“ ablegen und mal echte Naturwissenschaften lernen
  • Die Krönung war aber der Musikunterricht, zwischen fünter und dreizehnter Klasse gab es keinen wesentlichen Unterschied: Es wurden immer noch „der Akkordaufbau“ erklärt und die selben Lieder gesungen (Ich glaube ich würde alle 12 noch hinkriegen: „Country Roads“, „I am Sailing“, „Amazing Grace“, „Heute hier, morgen dort“, „Lady Madonna“, „ein kleiner grüner Kaktus“ ) Als ein durchaus musikalischer Mensch habe ich den Musikunterricht von ganzem Herzen gehasst
  • Wir haben nicht ein Werk von Goethe gelesen…Warum nur?
  • Die Linken Lehrer in Geographie, Gemeinschaftskunde und Ethik wollten uns von morgens bis abends weiß machen, dass wir reiche Schnösel (ich meine wir, vergleiche weiter oben???) schuld wären für die Misere der ganzen armen Länder, weil wir zu viel Fleisch essen, weil wir zu viel baden (ihr wollt gar nicht wissen, wie man in unserem Haushalt Wasser sparte), weil wir zu viel Plastik benutzen (…und er packte sein stylisches Smartphone aus) etc etc etc…Witzig (hmm, wohl eher nicht), dass man alle Regeln verwarf, und viele neue noch weniger erfüllbare aufstellte.

Das schlimmste war und ist aber das ständige Wechseln des Bildungsplanes. Zu meiner Zeit ging es die ganze Zeit mit G8/G9 hin und her (Ich wäre ja eigentlich ganz starker G8 Bekenner, wenn man doch nur dieses Elend um ein Jahr reduzieren könnte…). Ich meine ein Bildungsplan, der in zehn Jahren völlig obsolet ist.  Meine Allgemeinbildung des allgemein bildenden Gymnasiums könnte also bald nicht mehr viel wert sein…

Dankbar bin ich für: Englisch, Deutsche Grammatik, Mathematik, Sport.

 

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